Die Überwindung des Zorns

02. Ekim 2026

Verehrte Muslime!

In unserer heutigen Hutbe geht es um die Überwindung des Zorns.

Zorn ist eine geistige Eigenschaft, die der menschlichen Natur innewohnt, um auf Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Böses zu reagieren. In Angelegenheiten wie Religion, Heimat und Ehre sollte diese Eigenschaft maßvoll eingesetzt werden. Sie ist wie Feuer, das zum Heizen und Kochen verwendet wird. Solange das rechte Maß nicht überschritten wird, ist sie nützlich. Doch wenn der Zorn außer Kontrolle gerät und sich in Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Rache und Gewalt äußert, dann verbrennt und zerstört er nicht nur den Zornigen selbst, sondern auch sein Umfeld. Deshalb gilt die Überwindung des Zorns als eine Heldentat.

Zorn kommt vom Ego und vom Teufel. Dem Ego zu widerstehen ist unerlässlich. Unser ehrenwerter Ustāz Ebu’l-Fārūk Silistrevi sagte: „Das Einzige, was einen Menschen vom Guten und der Rechtleitung abhält, ist die Nafs, also das Ego. Es besitzt die Kraft von 72 Teufeln und breitet sich im ganzen Körper aus. Sein Zentrum liegt zwischen den Augenbrauen. Manchmal wird ein Mensch zornig und sagt: ‚Ich werde zuschlagen und vernichten’ und er widersetzt sich seinen Eltern. All dies sind Produkte der Triebseele.”

  Diejenigen, die ihren Zorn beherrschen, werden im edlen Koran als muttaqūn, als Gottesfürchtige, bezeichnet. Darin heißt es: „(Die Gottesfürchtigen sind diejenigen), die in (Zeiten) des Wohlstands und der Not ausgeben, ihren Zorn unterdrücken und den Menschen verzeihen. Und Allah liebt diejenigen, die Gutes tun.” (Āl-Imrān, 3:134)

Zorn schaltet die geistigen Fähigkeiten aus und verhindert ein gesundes Denken und richtige Entscheidungsfindung. Ein Mensch, der seinen Zorn nicht beherrscht, schadet daher sich selbst und anderen, indem er andere beleidigt, ungerecht handelt, sie unterdrückt oder zur Gewalt greift. Ja, sogar der Grundstein für endlose Feindschaften wird im Zorn gelegt. Zorn muss mit sabr, mit Geduld und Standhaftigkeit, gestoppt werden, so wie man auch in schwierigen Situationen und Unglücksfällen Geduld ausübt. In einem Hadith Scharīf sagt unser Prophet (s.a.w.): „Wenn einer von euch im Stehen wütend wird, soll er sich hinsetzen. Wenn sein Zorn vorübergeht, umso besser. Wenn nicht, soll er sich hinlegen. Wahrlich, der Zorn verdirbt den Iman wie der (bittere) Saft der Aloe Vera den Honig.” (Imam Rabbani, al-Maktūbāt, Bd. 1, 98. Brief)

Denn im Stehen ist der Zornige einem Ereignis mit schlechtem Ausgang viel näher als im Sitzen und im Sitzen viel näher als im Liegen.

Liebe Muslime! Zorn ist auch ein Mittel göttlicher Prüfung. Im Augenblick des Zorns schürt die Nafs, das Ego, den Rachedurst. Er verleitet dazu, im Recht aufzustehen und in Unrecht zu verfallen. Er schürt den Egoismus und verleitet einen sogar dazu, dem Tod ins Auge zu sehen. Wahre Helden sind diejenigen, die in solchen Momenten ihren Willen beherrschen und ihren Zorn unterdrücken. Auch dies ist ein Dschichad, ein Kampf, gegen das Ego.  Rasūlullāh (s.a.w.) sagte: „Der Starke ist nicht derjenige (der einen anderen) im Ringen besiegt, sondern der Starke ist derjenige, der sein Ego im Zorn beherrscht.” (al-Buchārī, 6114) In einem anderen Hadith Scharīf heißt es: „Wahrlich, der Zorn kommt vom Satan und der Satan ist wahrlich aus Feuer erschaffen. Feuer kann nur mit Wasser gelöscht werden. Wenn einer von euch zornig wird, soll er die rituelle Waschung vollziehen.” (Ibn al-Kathīr, Āl Imrān, 3:114)

Es zeugt von großer Tugend, demjenigen zu verzeihen, auf den man wütend ist. Die islamische Geschichte ist reich an Beispielen für diese Tugend. Eines davon möchte ich hier erwähnen.

Ā’ischa (r. anhā), die ehrwürdige Frau unseres Propheten und Tochter von Abū Bakr, wurde von Heuchlern verleumdet, und diese Verleumdung verbreitete sich überall. Es war eine sehr schwere Zeit für unseren Propheten und seine Familie. Doch schließlich wurden die Koranverse 11 und 12 der Sure an-Nūr offenbart, die Ā’ischa (r. anhā) entlasteten. Das Spiel der Heuchler war durchbrochen. Einer, der sich unbedacht von den Lügen der Heuchler verführen ließ und mit ihrer Zunge redete, war Mistāh ibn Usāsa, ein Verwandter von Abū Bakr (r. a.). Da er sehr arm war, war er auf die Hilfe von Abū Bakr (r. a.) angewiesen. Verärgert über dessen Beteiligung an diesem Vorfall schwor er, ihm nie wieder zu helfen.

Daraufhin wurde der folgende Ayat offenbart: „Und diejenigen von euch, die Überfluss und Reichtum besitzen, sollen nicht schwören, dass sie den Verwandten, den Bedürftigen und den Ausgewanderten auf dem Weg Allahs nichts geben, sondern sie sollen verzeihen und nachsichtig sein. Liebt ihr es nicht selbst, dass Allah euch vergibt? Allah ist Allvergebend und Barmherzig.” (An-Nūr, 24:22)

Daraufhin unterdrückte Abū Bakr (r.a.) seinen Zorn und unterstützte Mistāh weiterhin. Gesegnet sind jene Helden, die ihrem Zorn nicht erliegen, sondern ihn zu unterdrücken wissen - selbst auf die Gefahr hin, gedemütigt zu werden!