Stellungnahme zu dem Artikel "Sekten, Mystik aus dem Morgenland" in der SPIEGEL-Ausgabe Heft 12 / 1998

Der SPIEGEL hat in seiner Ausgabe vom 16. März 1998 (Heft 12) einen Artikel mit dem Titel "Sekten, Mystik aus dem Morgenland" veröffentlicht. Dieser Artikel greift in ihrer negativen, spöttischen und herabwürdigenden Darstellungsweise in einer ungebührenden Form in die Religiösität, der intimsten Privatspähre des Menschen ein. Mit befremden mußten wir zur Kenntnis nehmen, daß in diesem Artikel auch über den Verband der Islamischen Kulturzentren Behauptungen aufgestellt werden, die nicht der Realität entsprechen.

Aus diesem Grunde sehen wir uns veranlaßt, die Öffentlichkeit wahrheitsgetreu zu informieren sowie die Darstellungen des SPIEGEL-Artikels zu berichtigen und geben folgende Stellungnahme ab.

1. Zum Artikel im Allgemeinen

Das Bedürfnis nach Gesang und körperlicher Bewegung ist zunächst ein wertfreier Umstand, die bei allen Völkern und in jeder Kultur in verschiedensten Erscheinungsformen und Ausprägungen zum Ausdruck kommt. In Deutschland leben Tausende von Rockfans oder Discobesucher, die in Vergötterung ihrer Idole bis zur Erschöpfung tanzen oder sich mit Musik in Trance versetzen, um dem Alltag für eine Weile zu entfliehen. In diesem Artikel wird jedoch das Recht der Menschen, in ihren eigenen Räumlichkeiten zu beten, zu meditieren und zu rezitieren in einer unverkennbaren Art mißbilligt.

Seit Jahrhunderten ist der Gedanke des Sufismus in seinen verschiedensten Formen ein im großen und ganzen harmloser und friedlicher Teil der Kultur der muslimischen Völker. Neben ihrer vervollständigenden und vereinigenden Eigenschaft ist der Sufismus auch eine Gedankenform, die dem Glauben die schönste Art der Diensterweisung einpflanzt. Sufismus ist der Geist, die Handlung ist der Körper.

Auch im Christentum haben wir das in Form verschiedener Orden. Gleichwohl wird der Eindruck erweckt, als würden die Sufis eine weltbedrohende Gefahr sein. Daran ändert auch die zum Teil relativierend-historische Betrachtungsweise nichts. Stellenweise werden Andeutungen gemacht, bzw. Personen zitiert, ohne die Quelle beim Namen zu nennen (Beispiel: "... klagt ein Nurcu Sprecher").

In Verkennung der Zusammenhänge und Situationen, in denen bestimmte Aussagen entstanden sind, nehmen die Verfasser auf historische Sufilehrer Bezug, zitieren sie, um ihnen dann Größenwahn nachzuweisen.

Wie in allen Religionen, mag es auch muslimische Personen und Gruppen geben, die "mit Talismanen und Segenssprüchen" Leichtgläubige anlocken, doch bilden solche die Minderheit. Derartige Irrlehren haben mit den Ursprüngen des Sufismus nichts gemeinsam. Es ist eine Anmaßung zu behaupten, daß die Mehrheit der Sufis, der Sufigemeinschaften und der islamischen Institutionen auf diesem Pfad seien. Weiterhin widerspricht es dem islamischen Gottesverständnis, irgendwelche Menschen mit Gott gleichzusetzen oder göttliche Fähigkeiten zuzuschreiben. Somit lehnt der Sufismus, der den Islam viel intensiver erlebt, erst recht die Vergöttlichung eines Menschen ab. Wenn es dennoch Sufis geben sollte, die ihre Lehrer vergöttern, werden sich alle Muslime, gleich ob Sufi oder nicht, davon distanzieren.

Die Entstehung von vielen Hunderten von Gruppen von Menschen zwecks Spiritualität und geistigen Selbsterkenntnisses überall auf der Welt zeugt von einem generellen Bedürfnis nach immateriellen Werten. Es besteht selbstverständlich die Gefahr, daß jederzeit diese Bedürfnisse von scheinheiligen und hinterlistigen Menschen ausgenutzt werden. Es ist aber zu hoffen, daß diese empfindlichsten, rein gefühlsmäßig erlebbaren Werte nicht Opfer von Gespött und oberflächlicher Betrachtung Außenstehender werden.

 

2. Falschinformationen über den Verband der Islamischen Kulturzentren

Was die Äußerungen im SPIEGEL-Artikel über den Verband der Islamischen Kulturzentren angeht, ist im Allgemeinen festzustellen, daß die Verfasser bestimmte Passagen von Literatur gekürzt haben und bewußt sinnentstellt wiedergeben, um damit ihre These, "die Islamische Gefahr" zu untermauern.

Im Einleitungssatz des SPIEGEL-Artikels vom 16 März 1998 zum Verband der Islamischen Kulturzentren heißt es:

"Ähnlich sendungsbewußt gibt sich die Süleymanci, eine Bruderschaft, die sich "in aller Stille zum drittgrößten türkisch-islamischen Verband entwickelt hat", wie das Essener Zentrum für Türkeistudien (ZfT) schreibt."

Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus der Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien "Türkische Muslime in Nordrhein-Westfalen", die vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen herausgegeben wurde. Auf Seite 132 dieses im Juli 1997 erschienenen Werkes heißt es jedoch:

"Der Verband der Islamischen Kulturzentren hat sich in den letzten Jahren in aller Stille zum drittgrößten türkisch-islamischen Verband entwickelt, der nicht nur den Vorzug genießt, auf die längste Verbandsgeschichte zurückzublicken, sondern von deutschen Gesprächspartnern auch als am stärksten aktiv im christlich-islamischen Dialog beschrieben werden."

Von dieser Quelle ausgehend begnügen sich die Verfasser nicht nur damit, eine Sinnentstellung vorzunehmen, sondern sie attestieren dem Verband der Islamischen Kulturzentren auch noch eine "totale Abschottungspolitik", während gerade die von ihnen genannten Quellen das Gegenteil dokumentieren.

Durch den Vergleich beider Texte wird deutlich, daß es den Verfassern eigentlich nicht um eine Berichterstattung oder Aufklärung der Bevölkerung geht. Dazu fehlt es leider sehr an Objektivität und journalistischer Recherche.

Dieselbe Vorgehensweise ist auch in den folgenden Passagen des SPIEGEL-Artikels auf Seite 86 deutlich. Hier heißt es:

"Ausgestattet mit einer "straff-zentralistischen Struktur" (ZfT), den Koran als verbindliche Richtschnur predigend, unterhalten die Süleymanci rund 300 verbandseigene Moscheen in Deutschland."

Die als Quelle angegebene Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien drückt mit seiner Formulierung auf Seite 132 jedoch etwas anderes aus:

"Angesichts seiner straff-zentralistischen Organisationsstruktur gelingt es dem Verband der Islamischen Kulturzentren, in der Öffentlichkeit sehr einheitlich aufzutreten. Anders als noch zu Beginn der 80er Jahre werden politische Stellungnahmen zu Entwicklungen in der Türkei schärfstens abgelehnt, so daß der Verband sein Image in der deutschen Öffentlichkeit als lediglich religiöse Organisation hat stärken können."

Darüber hinaus läßt die thrillerartig spannende Darstellungsweise ganz harmloser alltäglicher Dinge eher den Schluß zu, daß mit diesem Thema versucht wird eine Sensation zu landen. Weil deren Struktur schon vorher aufgebaut wurde, hat man vom Schreibtisch aus nur noch nach entsprechendem Inhalt gesucht, die man dann bei teilweise dubiosen und alten Quellen gefunden zu haben meint. Der SPIEGEL hat sich nicht die Mühe gemacht, sich ein Bild über das Selbstverständnis der Muslime und deren Institutionen zu verschaffen.

Wir können nichts negatives daran feststellen, wenn der Verband der Islamischen Kulturzentren 300 Gemeinden und über 20.000 Mitglieder hat. Diese Zahlen drücken vielmehr das Vertrauen der Bevölkerung an uns aus. Des Weiteren können wir auch nichts lächerliches daran feststellen, wenn ein Junge mit einem Käppchen auf dem Kopf im messingverzierten Raum den Koran liest.

In einer Zeit, in der Angriffe auf Ausländer zur Mode werden, erweckt der SPIEGEL-Artikel durch die Art und Weise der Darstellung eher den Eindruck, als würde es sich bei dem Verband der Islamischen Kulturzentren um eine geheime Untergrundorganisation handeln. Der SPIEGEL glaubt, diese Untergrundorganisation entdeckt zu haben und benennt gleichzeitig eine Adresse für Interessierte, wobei er selbst im Hintergrund bleibt, indem er das Gesicht seiner Verfasser verborgen hält.

a. Zum Begriff der Sekte

Der Verband der Islamischen Kulturzentren wird in mehreren Stellen des SPIEGEL-Artikels als Sekte bezeichnet. Diese Behauptung ist grundlegend falsch. Die Bezeichnung Sekte ist in jener Literatur nicht wiederzufinden, die im SPIEGEL-Artikel als Quellen angegeben werden.

Auf Seite 138 des Buches von Frau Prof. Spuler-Stegemann "Muslime in Deutschland" heißt es:

"Der Dervisch-Orden der Süleymanci ist eine in den 30’er Jahren in der Türkei entstandene Abkömmling der Nakschibendiyye.

Auch in der vom Essener Zentrum für Türkeistudien erstellten Studie, das in dem SPIEGEL-Artikel als Quelle zitiert wird, ist nicht die Rede von Sekte, sondern von Orden. Auf Seite 134 der Essener Studie heißt es:

"Die türkische "Süleymanci-Bewegung" hat ihre Ursprünge in der Tradition religiöser Orden. Der Name der Bewegung geht auf Süleyman Hilmi Tunahan (1888 – 1959), Lehrer im religiösen Schulsystem des ausgehenden Osmanischen Reiches und Mitglied eines der größten Orden in der Türkei, des Nakschibendi-Ordens, zurück.

In der Studie des Hamburger Orient-Institutes ist ebenfalls nicht die Rede von einer Sekte. Somit bleibt festzuhalten, daß der Begriff "Sekte" nur deshalb benutzt wurde, um den Charakter einer "geheimen Untergrundorganisation" vorzutäuschen.

In der Nakschibendiyye besteht die geistige Übung allein in einer einfachen Meditation und innerer Andacht. Es gibt weder Tänze noch akustische Geräusche oder Gesänge. Nur auf schlichte demütige Frömmigkeit und Rechtschaffenheit wird hingearbeitet.

Der Historiker und Wissenschaftler Prof. Dr. Ahmet Akgündüz legt in seiner im Jahre 1997 erschienenen Forschungsreihe "Tabular Yıkılıyor 2" (Tabus werden gebrochen) alle Wahrheiten über Süleyman Hilmi Tunahan und seine Schüler offen. Er nimmt hierbei Bezug auf Dokumente aus den Archiven des osmanischen Reiches und der heutigen Türkischen Republik. Damit setzt er den absichtlich erfundenen und in Umlauf gebrachten Falschinformationen und Verleumdungen mit Belegen aus Primärquellen ein für allemal ein Ende. Prof. Dr. Akgündüz schreibt in der Einleitung seiner Forschungsarbeit folgendes:

"Dieser zweite Band ist voll mit herausragenden Inhalten. Das Wichtigste hierbei ist, daß wir in dieser Reihe einen Mürschidi Kamil (geistiger Meister, Gelehrter in der islamischen Mystik) geistig zu Besuch haben. Der erste Teil in diesem Band befaßt sich mit dem Leben, dem Beruf, der wissenschaftlichen und geistigen Laufbahn von Süleyman Hilmi Tunahan aus Silistire, das im Lichte von Dokumenten dargestellt werden soll. Während die bis heute veröffentlichten Informationen mit Quellen und Belegen aus osmanischen und den türkischen Republikarchiven bestärkt werden, treten zum ersten Mal wichtige Informationen mit Dokumenten ans Tageslicht.

Nach all den Nachforschungen ist festzustellen, daß Süleyman Hilmi Tunahan kein Unwissender, sondern ein islamischer Gelehrter und Professor ist, der seine Bildung in den osmanischen Hochschulen erworben hat. Zugleich ist er ein Gelehrter der islamischen Mystik."

Im weiteren führt der Historiker auf Seite 87 seiner Forschung aus, daß die Angaben über die Bildung, den Beruf und die mystische Tradition von Süleyman Hilmi Tunahan, die vom Geheimdienst herausgegeben wurden oder aus Enzyklopädien stammen, falsch sind und beschreibt den Weg von Süleyman Hilmi Tunahan und seiner Schüler wie folgt:

  1. "Süleyman Hilmi Tunahan ist ein bescheidener Diener des Islams, der sein Leben der islamischen Lehre gewidmet hat. Seine ganze Bestrebung lag darin, Schüler auszubilden, die sich in der islamischen Religion auskennen und sich danach orientieren. Seine Schüler sind bemüht, ihre Dienste nach der sunnitischen Lehre fortzusetzen."
  2. "Süleyman Hilmi Tunahan und seine Schüler sind in ihrem Glauben und ihren Handlungen der sunnitischen Schule zugehörig. Die meisten sind in den gottesdienstlichen Handlungen hanefitisch (eine Schule innerhalb des sunnitischen Islams) und in der theologischen Ausrichtung gehören sie der Schule des Imam Mansur Maturidi an. Daher hat Süleyman Hilmi Tunahan weder eine neue Rechtsschule gegründet, noch hat er einen derartigen Anspruch erhoben."
  3. "Aus dem Verhalten von Süleyman Hilmi Tunahan und seiner Schüler geht hervor, daß es sich um die Nakschibendiyye handelt. Er ist ein geistiger Schüler eines der größten Vertreter der Nakschibendiyye, Imam Rabbani, der zur geistigen Führung auf diesem Pfade berechtigt war. Aus diesem Grunde kann auch nicht vom "Süleymanismus" als einen neuen mystischen Pfad gesprochen werden, dessen Grundsätze Süleyman Hilmi Tunahan selbst gesetzt haben soll."

Quellen anderer Herkunft bestätigen auch, daß Süleyman Hilmi Tunahan und seine Schüler der hanefitischen Rechtsschule angehören. Als Angehörige der hanefitischen Schule wehren sie sich vehement gegen die Behauptung, eine neue Rechtsschule gegründet zu haben.

Schließlich bleibt festzuhalten, daß nur ein Teil der Mitglieder des Verbandes der Islamischen Kulturzentren auch Angehörige der Nakschibendiyye sind. Jeder kann Vereinsmitglied im Verband der Islamischen Kulturzentren werden, unabhängig davon, ob er dem Nakschibendiyye-Orden angehört oder nicht.

b. Frage des Mahdi

Ferner wird in dem SPIEGEL-Artikel unter Bezugnahme auf eine Studie des Hamburger Orient-Institutes folgendes behauptet:

"Seine Anhänger betrachten Tunahan als gottähnliche Gestalt. Zum jüngsten Gericht, so die Lehre, werde er wieder auf Erden erscheinen, um seine Armee der Mahdis ins Paradies zu leiten. Alle andere Muslime müßten dagegen in die Hölle, Christen sowieso."

Zu diesen Vorwürfen, die uns in der Studie des Orient-Institutes gemacht wurden, hatten wir bereits am 1.1.1998 folgende Stellungnahme abgegeben und im Internet (http://members.aol.com/chrislages/ steinbac.htnc) publiziert:

Zunächst ist auffällig, daß eine Proseminararbeit der Studentin Petra Wurzel (Die Süleymanlı Bewegung) die gleichen Quellen benutzt, denen sich auch die Verfasser der Studie bedient haben. Die Quelle der Analyse von Petra Wurzel ist ein Buch mit dem Titel "Ben bir Süleymancı idim", das unter dem Namen Mustafa Akyıldız veröffentlicht wurde. Mustafa Akyıldız war von 1960 bis 1970 als Imam in einer Moschee im Landbezirk Adana/Kozan beschäftigt. Sein Buch besteht von Anfang bis Ende aus Diffamierungen und Verleumdungen. Der Autor dieses Buches Mustafa Akyıldız wurde wegen verschiedener Delikte verurteilt.

Als Vorbestrafter mußte M. Akyıldız von seinem Beruf als Imam suspendiert werden. Doch von dem damaligen Amt für Religionsangelegenheiten unter der Leitung des Mufti in Adana, dem mittlerweile verstorbenen Cemalettin Kaplan (bekannt als Khomeini von Köln) wurde er unter Schutz genommen.

Die Hintergründe, warum M. Akyıldız ein solches verleumderisches Buch überhaupt geschrieben hat, möchten wir an dieser Stelle verständnishalber kurz darstellen: In der Zeit, in der M. Akyıldız Imam im Landbezirk Adana/Kozan war, befand sich der damalige Mufti von Adana, Cemalettin Kaplan, in einem fanatischen Kampf gegen die Gruppe, die später in dem Buch u.a. verleumdet werden sollte. Daher wurde der Imam, der in seinem Landbezirk tätig war, unter Schutz genommen, sowie jahrelang ausgenutzt. Kaplan hat dafür gesorgt, daß Mustafa Akyıldız das Buch "Ben bir Süleymancı idim" verfaßte und verbreitete. Kaplan hat diesen Mann bekanntlich auch gegen andere unbeliebte Gruppen gewissenlos ausgenutzt.

Auf diese Weise stellte Mustafa Akyıldız Behauptungen auf, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Traurig wird es, wenn kritisch prüfende Wissenschaftler dieses Buch, mittlerweile in seinen Aussagen dementiert, als ernstzunehmende Quellen zitieren. Auf Seite 17-18 der vorliegenden Studie wird bezugnehmend auf die sonderbaren und unverständlichen Anschuldigungen von Mustafa Akyıldız folgendes behauptet:

  1. "So verkörpert der Gründer Tunahan für seine Jünger eine Gestalt mit gottähnlichen Fähigkeiten, die jederzeit gewöhnliche Sterbliche nur durch den bloßen Willen vernichten könne ..."
  2. "Auch sei er (Süleyman Hilmi Tunahan) nicht wirklich gestorben, sondern wie der Mahdi im zwölferschiitischen Konzept ‘entrückt’ und werde am Tag des Jüngsten Gerichts auf die Erde zurückkehren"
  3. "Nur die weltweit etwa 300.000 Anhänger dieses Ordens, die ‘Armee des Mahdi’ würden ins Paradies einziehen, alle übrigen Menschen kämen in die Hölle".

Alle diese Behauptungen sind, wie schon oben dargelegt, frei erfunden, völlig unzutreffend und ohne Wahrheitsgehalt. Bei der letzten Aussage dieser frei erfundenen Behauptungen wurde als Quelle Binswanger/ Sipahioğlu S. 54 angegeben, obwohl ein solcher Text in dem genannten Buch gar nicht existiert. Schon alleine aus diesem Grunde erscheint uns eine eingehende Antwort auf solche Behauptungen völlig sinnlos.

Diese Anschuldigungen von Mustafa Akyıldız und Verleumdungen ähnlicher Art gingen in der Regel auf den türkischen Geheimdienst (MIT) und die "Diyanet İşleri Baskanlığı" (Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei) zurück. Solche Nachstellungen und Verleumdungen wurden zunächst von dem mittlerweile verstorbenen Cemalettin Kaplan verbreitet, als er in einer leitenden Position bei der "Diyanet İşleri Başkanlığı" beschäftigt war; später wurde dies unter Tayyar Altıkulaç intensiviert. Das Ziel war, Süleyman Hilmi Tunahan und seine Schüler in der Gesellschaft negativ darzustellen und als "Ungläubige" zu diffamieren, um so eine größere Akzeptanz in der Gesellschaft zu verhindern.

c. "Verunglimpfungen in Verbandszeitschriften"

Im weiteren Verlauf des Artikels behaupten die Autoren mit Bezugnahme auf die Studie des Orient-Institutes folgendes:

"In seinem Verbandsblatt kanzelte der elitäre Orden die Deutschen als "innerlich unrein" und "dreckiger Judendiener" ab. Seither schweigt der Konvent."

Der Verband der Islamischen Kulturzentren hat in der Vergangenheit kein Verbandsblatt herausgegeben. Die in diesem SPIEGEL-Artikel gemeinte Zeitung "Anadolu" war keine Zeitung des Verbandes, sondern eine Zeitung, in der manchmal Imame des Verbandes der Islamischen Kulturzentren Artikel veröffentlicht haben. Interessant ist, daß die SPIEGEL-Verfasser hier nun von dem Begriff Sekte abrücken und nunmehr von einem Orden sprechen. Damit wird deutlich, daß die Verfasser keinen Unterschied zwischen Sekte und Orden machen.

Der Wahrheitsgehalt der o.g. Behauptungen kann heute von uns kaum noch überprüft werden, da in der Studie des Hamburger Orient-Institutes keine Zitate vorhanden sind. Jedenfalls waren einige Artikel in dieser Zeitung der Anlaß, daß der damalige verantwortliche Vorsitzende der Islamischen Kulturzentren zurückgetreten ist. Nach dem Rücktritt gab es auch kein Schweigen. In dieser Angelegenheit hat der Verband der Islamischen Kulturzentren im Juli 1980 an Kirchen etc. Briefe mit folgendem Inhalt geschrieben:

"... Ihre Sorgen rühren daher, daß einige der Verantwortlichen der Islamischen Kulturzentren in einer türkischen Zeitung manche Artikel veröffentlichten, die nicht schickliche Ausdrucksformen über das Christentum enthielten, und daß es so aussehe, als ob die Islamischen Kulturzentren eine islamische Missionsaufgabe erfüllten.

Hierzu gestatte ich mir anzuführen, daß dies nicht zutrifft. Die Islamischen Kulturzentren versuchen nur einen geringen Teil der religiösen Bedürfnisse der muslimischen türkischen Arbeiter zu befriedigen.

Für die in einigen Aufsätzen verwendeten Ausdrücke, die Ihnen Sorge bereiten und die Gegenstand Ihrer Beschwerde sind, möchte ich Sie hiermit in aller Form um Entschuldigung bitten. Ich werde künftig nach bestem Vermögen damit bestrebt sein, daß entsprechende Ausdrucksformen unterlassen und nie wieder verwendet werden. ..."

 

d. Abschottungspolitik

Schließlich wird in dem SPIEGEL Artikel vom 16. März 1998 behauptet, daß der Verband der Islamischen Kulturzentren eine "totale Abschottungspolitik" verfolge.

Dies steht in einem diametralen Gegensatz zu den auch von den Verfassern des SPIEGEL Artikels herangezogenen Quellen. Auf Seite 137 der Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien, heißt es zu diesem Thema wie folgt:

"Gegenüber 1993, als der Verband von Beobachtern noch als sehr zurückhaltend, nicht gesprächs- und dialogbereit bezeichnet wurde, ist eine deutliche Entwicklung zu einer Öffnungspolitik festzustellen. Dies mag zusammenhängen mit Änderungen in der Führungsspitze, in der nun gut ausgebildete Vertreter der zweiten Migrantengeneration wichtige Positionen einnehmen. Ein zweiter Faktor, der diese Entwicklung bedingt, ist die hervorgehobene Rolle des Verbandes der Islamischen Kulturzentren im Zentralrat der Muslime in Deutschland, der hinsichtlich einer halboffiziellen Anerkennung als Vertretungsgremium der Muslime in Deutschland in den letzten Jahren einige Erfolge aufweisen kann.

Frau Prof. Spuler-Stegemann die "erstmals das geheimnisvolle Treiben untersucht haben soll", wird zwar zitiert, daß sie andere Gruppen, die nicht in ihrem Buch erscheinen wollten, verschwiegen habe. Der logische Umkehrschluß hieraus bedeutet jedoch, daß die in dem Buch erwähnten Einrichtungen, dazu gehört auch der Verband der Islamischen Kulturzentren, keineswegs eine Abschottungspolitik betreiben, weil sie keineswegs gegen eine namentliche Benennung waren. Diese Tatsache paßt jedoch nicht in den von SPIEGEL vorgefaßten Raster der Geheimorganisationen und wird daher schlicht übergangen.

Auf Seite 140 ihres Buches beschreibt Frau Prof. Spuler-Stegemann Ihren Besuch in der Zentrale des Verbandes der Islamischen Kulturzentren wie folgt:

"Ein etwa 18 jähriger Koranschüler spricht meinen Mann und mich zur Mittagszeit im Hof der Kölner Zentrale an, als wir am Stand eine Bratwurst kaufen wollen. Voller Stolz berichtet er von seiner Ausbildung im Internat und führt uns durch den geschmackvoll ausgestatteten Betraum, der von außen her gar nicht kenntlich ist. Einer der gläsernen Erker erweist sich von innen als mihrab, als Gebetsnische, die gen Mekka zeigt und die Gebetsrichtung angibt. Alles ist kostbar in dem modern gestalteten Raum, nichts prunkhaft überladen. Messing ist das bevorzugte Metall, das in breiten Bändern in die Ornamente eingelassen ist und auch die Frauen-Empore umschließt. ... Alle haben ein Käppchen auf. ... Als der Schüler uns offiziell anmeldet, eilt alsbald ein Hoca herbei, der uns zum Tee einlädt.

Es gehört schon viel Phantasie dazu, diese Äußerungen der Frau Prof. Spuler-Stegemann als eine "totale Abschottungspolitik" zu bewerten.

Zum anderen belegt auch die über 20 jährige Praxis des Verbandes der Islamischen Kulturzentren, daß weder abgeschottet noch geschwiegen wird:

  1. Es gibt einen guten Dialog und Zusammenarbeit mit beiden christlichen Kirchen. Hunderte von gemeinsamen Versammlungen und Veranstaltungen haben stattgefunden. Auch für die Zukunft sind gemeinsame Veranstaltungen in Planung. Seit geraumer Zeit wirkt der Verband auch bei der Organisation von Kirchentagen mit.
  2. Fast jeden Tag empfangen wir in unseren Gemeinden Gruppen von Besuchern aus Schule, Universität, Kirchen und sonstigen Einrichtungen, die teilweise tiefe Einblicke in unser Gemeindeleben bekommen.
  3. Wir veranstalten seit Beginn der 80’er Jahre im Monat Ramadan ein gemeinsames Fastenbrechen, an dem jeweils 150 - 300 hohe Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kirche, Politik und Wirtschaft teilnehmen, und das sich mittlerweile zu einem Dialogforum entwickelt hat.
  4. Wir unterhalten eine gute Beziehung zu überregionalen Bundes- oder Landesinstitutionen. Deutsche Politiker und andere öffentliche Personen besuchen von Zeit zu Zeit unsere Gemeinden und nehmen an Einweihungs- bzw. Eröffnungsveranstaltungen von Moscheen teil. In diesem Rahmen veranstaltete der Verband in Zusammenarbeit mit der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einen "Alternativen Tag der deutschen Einheit" am 02.10.1994 im Gebetshaus unserer Hauptverwaltung. Unter anderem gab uns an diesem Tag Bundestagspräsidentin Frau Süssmuth durch Ihren Besuch die Ehre.
  5. Wir sind Mitglied der schon 1976 gegründeten Islamisch-Christlichen Arbeitsgruppe (ICA), an dem unter anderem auch die Vertreter der evangelischen, der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirchen teilnehmen.
  6. Der Verband organisiert viele Veranstaltungen im Rahmen von "Tagen der offenen Türe", in dem jeder Interessierte sich über den Islam im Allgemeinen und über den Verband der Islamischen Kulturzentren im Besonderen informieren kann.
  7. Um eine noch größere Transparenz zu erreichen und die Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft zu fördern, ist der Verband der Islamischen Kulturzentren gerade dabei eine islamische Akademie als Weiterbildungswerk zu Tagungszwecken aufzubauen. Unter anderem stehen dabei auch Round-Table Gespräche mit der Presse an oberste Stelle.

Auf Seite 87 des SPIEGEL-Artikels heißt es in Bezugnahme auf Frau Prof. Spuler-Stegemann, daß die Gruppen Geborgenheit und eine sehr persönliche Art der Gotteserfahrung bieten. Diese Formulierung ist auch unter den Bildern vom Verband der Islamischen Kulturzentren auf Seite 86 des SPIEGEL-Artikels zu finden. Auf Anfrage der SPIEGEL-Redaktion hatte der Vorstand des Verbandes der Islamischen Kulturzentren einem vom SPIEGEL beauftragten Fotografen zweimal erlaubt, während des Freitagsgebetes diese Bilder zu erstellen. Diese Bilder zeigen die Muslime beim Freitagsgebet und beim Verlassen der Moschee. Als Dank wird dem Verband der Islamischen Kulturzentren vom SPIEGEL eine "totale Abschottungspolitik" attestiert. Der Besuch der Medien ist für uns etwas alltägliches und selbstverständliches. Was aber hat das Verlassen der Moschee und das Verrichten des Freitagsgebetes mit dieser besonderen Art der Gotteserfahrung und islamischer Mystik zu tun ?

Angesichts dieser Umstände sollte sich niemand wundern, wieso sich manche islamische Gemeinschaften gegenüber den Medien zurückhaltend verhalten.

 

3. Ergebnis

Wir bedauern es sehr, daß auch in dieser Ausgabe anscheinend eine Notwendigkeit darin gesehen wurde, altbekannte Klischeebilder erneut zu verstärken. Der Artikel über "Sekten, Mystik aus dem Morgenland" vermittelt dem Leser ein abschreckendes Bild vom Islam trotz der Tatsache, daß es sich bei diesen Gruppen um eine unbeachtliche Minderheit handelt. Wir möchten an dieser Stelle betonen, das jede Art von Extremismus dem Wesen des Islam widerspricht und von uns abgelehnt wird.

Wir möchten aber darauf hinweisen, daß es ebenso gefährliche und von ihrer Zahl nicht unbedeutende extremistische nichtislamische Gruppen in Deutschland gibt, denen bei vielen Zeitungen und Zeitschriften wenig Beachtung geschenkt wird.

Wieder wurde eine Möglichkeit vertan, ein von Vorurteilen freies, differenziertes Bild zu vermitteln. Gerade eine Differenzierung ist für die Zukunft der Muslime und der nichtislamischen Bevölkerung in einer Zeit, wo Feindbilder sehr schnell entstehen und verbreitet werden, wo hinter jedem Gebetsrufer ein Fundamentalist vermutet wird, von größter Wichtigkeit.

Für ein auf Frieden und Toleranz ausgerichtetes Zusammenleben können integrationsfördernde Ansätze und Bestrebungen der Islamischen Organisationen in Deutschland behilflich sein, doch auch diese fanden in dem Artikel kaum Platz.

Zu hoffen bleibt, daß sich die Medien ihrer Verantwortung für die gemeinsame Koexistenz von Muslimen und Nichtmuslimen in dieser Gesellschaft bewußt werden und journalistische Recherchen nicht durch Sensationsberichte abgelöst werden.

Köln, 20. März 1998

 

 

Ibrahim Çavdar

-Generalsekretär-