WAZ, 20.01.1998

Eine Frage der Willenskraft

Fastenmonat Ramazan: Speisen erst nach Sonnenuntergang

Ein Blick zur Uhr. Nur noch drei Minuten. Dann Ist endlich die Sonne untergegangen, dann gibt's endlich wieder etwas zu essen. Der Magen knurrt zwar schon seit einigen Stunden, aber Im Fastenmonat Ramazan ist bei gläubigen Muslimen nun einmal Selbstbeherrschung gefragt - alles eine Frage der Willenskraft.

Zeigt her Eure Leckereien: Um punkt 17.09 Uhr - also genau nach Sonnenuntergang - begann gestern in der Moschee an der Feldstraße das lftar-Essen. Neben Brot und Salaten wurde den 70 Gästen so mancher Gaumenschmaus gereicht.

Gestern lud die hiesige Gemeinde des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) knapp 70 Besucher zum "Iftar-Essen" ein - zu ihnen zählten Verbandspräsident Dr. Nurettin Akmann und der VIKZ-Generalsekretär Ibrahim Cavdar.

Laut Kalender war gestern zwischen 6.14! Uhr (Sonnenaufgang) und 17.09 Uhr (Sonnenuntergang) für die Muslime feste und flüssige Nahrung tabu. "Daran wird sich ninutiös gehalten. Selbst Medikamente müssen vor- oder nachher, eingenommen werden", erläutert Ersoy Sam, einer der Organisatoren. Klare Vorgaben - doch das "Iftar-Essen" ist im islamischen Glauben eine erlaubte Unterbrechung des Fastens.

Natürlich gibt es Gründe, den alltäglichen Essensplan auch im Ramazan-Monat nicht zu verändern. "Nur wer körperlich und geistig gesund ist, sollte fasten", verdeutlicht Ersoy Sam. Bei allen guten Vorsätzen gibt es dennoch einige, die "schwach" werden und den lukullischen Genüssen in der verbotenen Zeitspanne nicht widerstehen können. "Laut Koran muß ein Sünder dann zur Strafe 61Tage am Stück fasten", spricht Ersoy Sam Klartext.

Der Fastenmonat genießt bei den meisten Muslimen einen hohen Stellenwert. Dabei steht aber nicht eine Diät mit Gewichtsverlust im Vordergrund. "Es ist vielmehr ein Monat des Friedens, der Freundschaft und Begegnung - eine Zeit der geistigen Erneuerung", erklärt Sam.

Wer erwartet hätte, daß beim Iftar-Essen die Vorratsspeicher im Körper mit Bergen von Speisen aufgefüllt werden, der sah sich getäuscht. Zwar wurden Delikatessen wie Auberginen Kebap oder gefüllte Teigtaschen aufgetischt, trotzdem griffen die Besucher in Maßen zu. "Der Magen gewöhnt, sich schnell an die geringeren Essensmengen", so Sam. Er selbst ist Student an der Uni Bochum und verbringt die Mittagszeit immer mit seinen Kommilitonen in der Mensa. Das fällt derzeit aber aus, bekommt Ersoy Sam doch schon vom bloßen Zuschauen Hunger. Das Auge ißt ja bekanntlich auch mit.